Ich möchte weder Mitleid noch ein anderes Gefühl der Solidarität erwecken, sondern meiner Person zum persönlichen Nachvollziehen zu mehr Verständnis verhelfen. Über ein Jahrzehnt vor dem Anbruch eines neuen Jahrhunderts geboren, erlebte ich nur noch ein vereinigtes Land, das heute zwar nicht mehr getrennt leben muss, aber trotzdem auf Klassenunterschiede besteht, um das Leben weniger Privilegierter durch die Arbeit vieler Menschen etwas angenehmer zu gestalten. Zur Welt kam ich in der neuen, und wie sich hinterher herausstellte, temporären Hauptstadt, in der ich fünf Jahre Zeit hatte, mein frisch eingerichtetes System zu starten. Denn ich sollte die nächsten fünf Jahre in einer anderen Welt sein, in der ich das Gefühl haben durfte, alles überstehen zu können. Wie viele kleine Kinder in meinem Alter lebte ich voller Vertrauen auf den Lauf der Zeit und hatte keine Angst. Ich bin mir wegen genauer Daten zu den Tagen, Wochen, Monate und Jahre nicht sehr sicher, weshalb sie hier nur ungefähre Angaben zur Orientierung darstellen. Ein Mathematiker war ich nie und werde es auch nicht mehr. Nach dem Abitur war Geographie daher schon etwas mehr mein Ding. Später lagen auf dem Gelände der Universität beide Institute direkt nebeneinander. Bereits in den jungen Jahren war Geld eine knappe Sache. Doch das war mir damals nicht so sehr bewusst wie heute. Meine erste Beute in einem großen Kaufhaus, das mit der Straßenbahn eine halbe Stunde entfernt lag, war ein industriell hergestellter Kompass der mittleren Preisklasse. Erwähnenswert wäre hier als Nebensächlichkeit sicher, dass die alte Währung nicht bis zur Gegenwart überlebt hat. Damals wies mir diese mittlerweile veraltete Navigationshilfe nur Himmelsrichtungen und heute könnte ich damit sicher auch ein zwei Meter in einen fremden Wald gehen, ohne mich großartig zu verlaufen. Das Restaurant und die Wohnung befanden sich mehr oder weniger im selben Gebäude. Zumindest klebten die Teilstücke zusammen. Der Vermieter kam jede Weihnachtszeit mit seiner Familie zum Essen. Er schenkte mir auch meine erste Musik CD einer Band. Zuvor hörte ich nur, wenn man überhaupt von gezielt sprechen kann, Schlagermusik eines stets Sonnenbrille tragenden Sängers, der auch für seine Nusstorten bekannt ist. Zur Bildungsstätte brauchte es von hier nur wenige Schritte bis zur Ankunft. Schon vor meiner Geburt verdiente mein Vater sein Geld in der Gastronomie. Anfangs arbeitete er als einfacher Koch in verschiedenen Städten und nachher im Zeitraum als ich das grelle Licht der Welt erblickte, war er dank Trinkgeld ein gut verdienender Kellner. Meine Mutter hat er hier in diesem für sie neuen Land kennen gelernt. Freunde haben geholfen, damit sie überhaupt leben und arbeiten durften. Mit dem ersparten Kapital erwarben meine Eltern in einer anderen Stadt, die mit dem Nahverkehr fast zwei Stunden Zugfahrt vom Ort meiner Geburt entfernt war, ein kleines Restaurant, das sie von Bekannten übernahmen. Aufgrund des Umzugs hatte ich dann zwei Kindergärten von innen gesehen. Die Grundschule habe ich dafür ununterbrochen besuchen können. Und während meine Mutter bediente und mein Vater kochte, war ich in der Schule lernen oder im Hort spielen. Aber die Mindesthaltbarkeit war begrenzt, weshalb ich die Zeit außerhalb allein in meinem Zimmer verbrachte. So fiel mir zum Beispiel ein, kalte Pizza mit der Glühbirne einer Tischlampe zu erwärmen. Ich bekam den größten Raum der Wohnung, was auch noch heute der Fall ist, weil ich die meiste Zeit da bin und den Platz am sinnvollsten nutzen kann. Hier im Kindergarten oder in der Grundschule wurde ich endgültig zum Linkshänder, denen man ja viel Kreativität nachsagt. Wie das genau abgelaufen ist, kann ich jedoch nur vermuten. Vielleicht saß ich mal einer Autoritätsperson gegenüber, der ich wie ein Spiegelbild nachzuahmen versuchte. Wir hatten nette und weniger nette Nachbarn. Ersteres war eine Dame, die vom Beruf Werbezeichnerin war und sicher ihren Teil dazu beigetragen hat, dass ich die Kunst im Blickfeld behalten habe. Letzteres war ein altes Ehepaar, das zwei Stockwerke über dem Restaurant wohnte, was ich als eine Art Kopie mit der Rückkehr zu meinem Geburtsort eine Etage tiefer erneut begegnete, bis die Frau starb und der Mann in ein Altenheim zog, wo er noch bis heute lebt. Mein Vater sieht ihn alle ein paar Monate beim örtlichen Trödelmarkt. Stattdessen sind unten nun andere Mieter eingezogen. Allerdings sehen wir sie nicht oft, da sie die Wohnung wieder an Touristen aus ihrem Heimatland vermieten, die ich aufgrund ihres andauernden Terrors nie leiden kann, weshalb meine Abneigung mit jedem weiteren Tag wächst. Das Haus ist alt, die Wände und Decken bestehen nur aus Holz. Man kann sich also vorstellen, was für eine Geräuschkulisse das ergibt. Aber das als einziges Problem wäre ja weniger schlimm, wenn sie mit dem Einsatz von Parfüm nicht immer den Gasangriff an mir erproben würden. Fortsetzung von “Angefangen aber nicht beendet” des Autoren Cheung zu finden in den Büchern “Skizzen auf Toilettenpapier” und “Die Liebe zu Gott: Das Prinzip der Hoffnung” exklusiv erhältlich als Paperback nur bei Lulu.
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