Liebe zu Gott: Prinzip der Hoffnung (Stück 74)

Stück 74 von 81 Stücken aus dem im September 2009 erschienenen Buch Die Liebe zu Gott: Das Prinzip der Hoffnung von Ngai Chun Cheung: Flora baute einst die Brücke zwischen Amsterdam und Muse. Damals hatte sie nicht gewusst, dass er diese Verbindung tatsächlich ersehnte. Manche Besucher der Galerie meinten, hier hätte der Schöpfer seine Finger im Spiel gehabt, aber im Gegensatz zu ihm musste der Mensch sich um das Gute bemühen, indem er nach einem Endzustand strebte. Die Menschen haben immer nur ein Teil der Wahrheit gekannt und meist reichte es ihnen, da sie sich der Hoffnung anvertraut haben, dass die Versprechen sich erfüllen werden. Flora wollte ihn ursprünglich nur etwas unterhalten, nachdem er auf der ganzen Strecke einsam aus dem Fenster schaute. Die Anstrengungen haben sich gelohnt, da es ohne ihre Arbeit nicht zu diesen Bildern gekommen wäre. Heute stellen sie meine Existenz dar. Denn von allein hätte er niemals mit ihr gesprochen und sie portraitieren können. Amsterdam war zweiundzwanzig Jahre alt, als er sie dort im Zug zum ersten Mal kennenlernte. Erst am Schluss der Fahrt hat Flora die beiden an einen Tisch gekriegt und sie zum Sprechen gebracht. Die Versammlung seiner Kinder konnte den Toten am Kreuz wieder auferstehen lassen. Auch wenn es sich hier nur um eine Vorstellung im Theater handelte. Die soziale Komponente des Glaubens in Form der Gemeinde vermochte die Menschen auch außerhalb der psychischen Welt unterhalten zu können. Vom Sehen kannte er Muse schon, aber sie war stets in weiter Ferne, wie die Sterne, die in alle Richtungen weisen und einem Jungen kaum die Chance bieten, sich daran zu orientieren, um zu einem Ziel zu finden. Mit den Ästen hat er als Baum nach ihnen gegriffen, aber sie niemals wirklich zu fassen gekriegt. Es war unvernünftig, sie einzeln halten zu wollen, auch wenn er gerne geträumt hat. Daher hat er ihnen lieber zugehört, wie sie von ihren Reisen erzählt haben. Die Inspiration war selten geduldig, dabei besaß sie mit ihrer Vielfalt und der Aussicht auf all die Möglichkeiten viel Hoffnung und ausreichend Gewissheit über das Eintreffen der Verheißungen. Trotzdem dauerte es ihr immer zu lange, denn es war ihre Schönheit, die sich um ihre Vergänglichkeit sorgte. Dabei war sie selten etwas mit Verfallsdatum. Denn sie stellte nur das Versprechen auf ihre Sehnsüchte dar. Für viele war sie jedoch an den Körper gebunden, der ihnen all die Träume greifbar erscheinen ließ, weil viele von ihnen nicht genug Phantasie besaßen, um die Hoffnung zu haben, selbst mit einem beliebigen Stück Stein am Straßenrand Erfüllung erfahren zu können. Daher sind ihre Wünsche zusammen mit den Gegenständen hinfällig geworden. Die von der symmetrischen Gesichtsmitte aus leicht hochlaufenden Augenbrauen, ihr leicht offener Mund und ihre freigelegten Ohren vermittelten Aufmerksamkeit auf die Zukunft. Der zuversichtliche Blick der leuchtenden Augen war voller Erwartung auf das Schöne und jeder Schlag des Lids ähnelte den Bewegungen von Flügeln.

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