Skizzen auf Toilettenpapier (Stück 285)

Stück 285 von 463 Stücken aus dem im Februar 2008 erschienenen Buch Skizzen auf Toilettenpapier von Ngai Chun Cheung: Als meine Muse, etwas mehr als eine Stunde nach Mitternacht, in ihrer Rolle als letzte Inspiration in den Linienbus hinzu stieg, wurde mir wieder ganz anders, denn sie war zu einer vergangenen Zeit das rationalste Wesen, was mir passieren konnte, sie war das Seil an dem ich mich hielt, als ich beim Balanceakt fast fiel. Trotzdem haben wir uns nie wirklich gekannt, wie Fremde verfehlten sich unsere Blicke, und trotzdem, oder gerade deswegen, habe ich nie wirklich von ihr geträumt, sie war die leere Realität, die ich so schätzte, eben etwas nicht greifbares, was ich auch niemals wirklich hätte ändern wollen, denn ich habe keine Träume gemalt, sondern immer meine Wirklichkeit dargestellt, und trotzdem richtete ich meine Haltung, in der Hoffnung, sie doch zu kennen, sie besingen zu müssen, denn wie die Sterne war sie allgegenwärtig, aber sie einzeln zu fassen, ist doch einfach unvernünftig, selbst für einen großen Träumer. Ich schenkte ihr also einen Namen, weil ich ihr etwas Fassbares, ihr diese Bedeutung geben wollte. Als ich sie das erste Mal gesehen habe, und dabei in ihre und damit in meine Gedanken, und in ihr und damit in mein Herz geschaut habe, saß sie in der Straßenbahn, die ausnahmsweise mal nicht von Kindern auf ihren Inlineskates als Laufbahn missbraucht wurde, ein Mädchen hat geweint und ins Handy geschluchzt, einige Augenblicke später setzte sie sich neben ihr hin, legte ihren Arm um die Traurigkeit, woraufhin sich das Mädchen an die fremde Wärme lehnte und später daraufhin ihr Kopf wieder hob, um kurz aus tiefer Dankbarkeit zu lächeln, um dann aber im anderen Moment wieder weiter zu weinen.

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