Skizzen auf Toilettenpapier (Stück 290)

November 22nd, 2009

Stück 290 aus dem im Februar 2008 erschienenen Buch Skizzen auf Toilettenpapier von Ngai Chun Cheung: Ich reise, kann nicht, nein, will nicht stehen bleiben, wenn ich geistig hier doch diesen Stillstand fühle, der mir als ein Student im Rahmen des Studiums scheinbar auch aufgezwungen wird, dann will ich zumindest diese physische Mobilität, die mich in einer unbekannten Stadt zu einem Fremden macht, wahren und pflegen, eine letzte Freiheit spüren. Nun stehe ich als Pausenklingel auf diesem Rastplatz, der jede Größe prüfende Wind bläst stark, aber nicht beständig. Ein mit vielen Möglichkeiten glänzendes Tuch hält meine langen Haare zusammen, würden sonst mein Blick zu sehr stören, doch ich transpiriere sehr darunter, denn die Sonne, die mit ihrem Sinn für Gerechtigkeit auf alle scheint, scheint schonungslos auf mich herab und anscheinend nirgends eine Heizung, die abgestellt werden kann. Im Bus hat es angefangen zu bluten, die Nase schoss das rote Leben aus mir heraus, während etliche Windräder am großen Fenster vorbei glitten, die sich Nachts als graue Riesen bemerkbar machen, und ja, man kann auch vom Sitzen müde werden, Stunden später habe ich aber immer noch nicht schlafen können, habe nur vor mir her gedöst und keinen wirklich vernünftigen Gedanken mehr zusammen bringen können.

Skizzen auf Toilettenpapier (Stück 289)

November 22nd, 2009

Stück 289 aus dem im Februar 2008 erschienenen Buch Skizzen auf Toilettenpapier von Ngai Chun Cheung: Im alten Bus sehe ich diesen Schnee, den ich bisher noch nie in diesen Mengen gesehen habe, doch es ist wieder warm geworden, hoffentlich schmilzt es nicht allzu schnell, damit dieser Gespräch unterbrechende Kuss lange anhält, damit ich nicht nur die im Schweigen ruhenden Reste, sondern die volle Pracht des letzten Winters an diesem Ort bestaunen kann. Die Fernfahrer, die sich mit einem aus Blech bestehenden Namensschild an der Frontscheibe zu ihrem Beruf bekennen, kann ich während der Fahrt unbeschwert begutachten, im Stau lassen sie sich, obwohl die Zuschauer unfähig sind, alles zu erkennen, gerne beobachten, manche stellen ihre Füße zur Schau, brechen damit alle Verhaltensregeln, machen dadurch neue Regeln, rauchen, und andere kochen uns einen Kaffee, herrlich diese Genügsamkeit, die ihr natürlicher Reichtum darstellt, am liebsten würde ich sie wegen ihrer Besonderheit, ihrer Bekanntschaft mit der Bescheidenheit einzeln portraitieren, doch ich habe zur Erfüllung eines Bildungsauftrags das unendliche Bild gegen das begrenzte, dadurch erst verständliche und damit unheilvolle Wunden ziehende, aber nur selten heilsame Wort getauscht, eine alles fassende Unendlichkeit gegen eine Endlichkeit, um nicht lang in einem Exzess herumzuirren, der eine künstliche Armut werden kann.

Skizzen auf Toilettenpapier (Stück 288)

November 22nd, 2009

Stück 288 aus dem im Februar 2008 erschienenen Buch Skizzen auf Toilettenpapier von Ngai Chun Cheung: Ich könnte mich, da wir uns nur ohne Ahnung sicher durchs Leben bewegen, in den andauernden Entdeckungen verlieren, mich am liebsten verirren und mit dieser Ahnungslosigkeit, die eine Täuschungsabsicht eines Lügners ausschließt, leben, denn der Schluss ist viel zu absehbar, ich kann dieses Ende sogar nach Belieben beschleunigen, nur leider nicht verzögern. Viel mehr vermag ich jetzt zu fallen, um daraufhin wieder aufzustehen, hasse, um wieder zu lieben, und erblinde, um zu sehen, um den seltenen Sonnenuntergang mit geschlossenen Augen auf meiner Haut zu spüren.

Skizzen auf Toilettenpapier (Stück 287)

November 22nd, 2009

Stück 287 aus dem im Februar 2008 erschienenen Buch Skizzen auf Toilettenpapier von Ngai Chun Cheung: Das wilde Tier, das statt einer Vertonung nur ein Untertitel verdient, hat mit seiner Stärke, die es ermöglicht hat, Illusionen für Tatsachen zu halten, immer versucht, seine Grenzen auszuweiten, ein natürliches Verlangen in fremde Reviere einzudrängen, aber nicht um Integration zur Schaffung einer Harmonie zu betreiben, sondern um alles Begehrenswerte zu erbeuten, um die Schwächen anderer auszunutzen und sie im Rahmen der Naturgesetze für immer auszulöschen. Kinder springen und schreien laut, lernen langsam die Grenzen der Erwachsenen kennen, schauen hinauf und bewundern sie dafür sehr, und schwören sich als Rächer ihrer Verletzungen still und leise, wenn sie groß sind, diese Regeln, diese Angst vor einer Freiheit gegen jede Vernunft wieder zu brechen, weil sie diese dann selbst bestimmen dürfen und nach Belieben verletzen können. Die ersten Tränen dieser armen Kinder, vor denen sich die Erwachsenen eigentlich stets wegen ihrer geringeren Größe verbeugen müssten, werden im Alter zu lauten Befehlen. Das moderne Wild möchte die Verschmelzung dieser Grenzen, bis es nur eine gibt, denn nur die eigenen Regeln sollen gelten, und die Ausweitung dieser Räume, die Ausbreitung in ein anderes Gebiet ist für ihren Ressourcen erschöpfenden Lebensstil grundlegend, um weiterhin ihr ausschweifendes Niveau zu halten oder sogar zu steigern, weil sie unfähig sind, ein natürliches Gleichgewicht mit ihrer Umwelt zu schaffen. Dieses unhaltbare Wachstum befriedigt und ersetzt anscheinend ihren Verstand, während die Sonne hier um Platz zu schaffen langsam untergeht und alles andere zu Tage tritt.

Skizzen auf Toilettenpapier (Stück 286)

November 22nd, 2009

Stück 286 aus dem im Februar 2008 erschienenen Buch Skizzen auf Toilettenpapier von Ngai Chun Cheung: Du willst mir gefallen und machst dabei alles falsch. Wie kann ich dich mögen, wenn du dich nicht gibst, wie du bist, wie kann ich dich sehen, wenn du hinter mir stehst, dich versteckst, um nicht meinen Blicken ausgesetzt zu sein.

Skizzen auf Toilettenpapier (Stück 285)

November 22nd, 2009

Stück 285 aus dem im Februar 2008 erschienenen Buch Skizzen auf Toilettenpapier von Ngai Chun Cheung: Als meine Muse, etwas mehr als eine Stunde nach Mitternacht, in ihrer Rolle als letzte Inspiration in den Linienbus hinzu stieg, wurde mir wieder ganz anders, denn sie war zu einer vergangenen Zeit das rationalste Wesen, was mir passieren konnte, sie war das Seil an dem ich mich hielt, als ich beim Balanceakt fast fiel. Trotzdem haben wir uns nie wirklich gekannt, wie Fremde verfehlten sich unsere Blicke, und trotzdem, oder gerade deswegen, habe ich nie wirklich von ihr geträumt, sie war die leere Realität, die ich so schätzte, eben etwas nicht greifbares, was ich auch niemals wirklich hätte ändern wollen, denn ich habe keine Träume gemalt, sondern immer meine Wirklichkeit dargestellt, und trotzdem richtete ich meine Haltung, in der Hoffnung, sie doch zu kennen, sie besingen zu müssen, denn wie die Sterne war sie allgegenwärtig, aber sie einzeln zu fassen, ist doch einfach unvernünftig, selbst für einen großen Träumer. Ich schenkte ihr also einen Namen, weil ich ihr etwas Fassbares, ihr diese Bedeutung geben wollte. Als ich sie das erste Mal gesehen habe, und dabei in ihre und damit in meine Gedanken, und in ihr und damit in mein Herz geschaut habe, saß sie in der Straßenbahn, die ausnahmsweise mal nicht von Kindern auf ihren Inlineskates als Laufbahn missbraucht wurde, ein Mädchen hat geweint und ins Handy geschluchzt, einige Augenblicke später setzte sie sich neben ihr hin, legte ihren Arm um die Traurigkeit, woraufhin sich das Mädchen an die fremde Wärme lehnte und später daraufhin ihr Kopf wieder hob, um kurz aus tiefer Dankbarkeit zu lächeln, um dann aber im anderen Moment wieder weiter zu weinen.

Skizzen auf Toilettenpapier (Stück 284)

November 22nd, 2009

Stück 284 aus dem im Februar 2008 erschienenen Buch Skizzen auf Toilettenpapier von Ngai Chun Cheung: Mit dem Gegenwind im Gesicht ziehe ich weiter, kühle Brisen erinnern an einen vergessenen, vielleicht verlorenen weißen Winter, eine Jahreszeit die ich brauche, weil mir all das viel zu deprimierend ist und die Entblößung fordernde Hitze mich in unnötige Unruhe bringt, die jährlich durch einen Winterschlaf der Tiere beruhigt werden muss. Man erzählt seinen Lesern, um mit einer Wiederkennung etwas zu trösten, über die vielen Klagen, über einen selbstverständlichen Umgang und eine Hinnahme vieler Schmerzen, um in dieser Kälte, in dieser Schmerzlosigkeit, der enormen Befangenheit trotzend, sich über die simplen Freuden der Menschen zu amüsieren.

Skizzen auf Toilettenpapier (Stück 283)

November 22nd, 2009

Stück 283 aus dem im Februar 2008 erschienenen Buch Skizzen auf Toilettenpapier von Ngai Chun Cheung: Termiten bohren sich durchs ehemals als Arche in der Flut propagierte Fachwerkhaus, das zum Teil modernisiert, sicherlich auch sehr viel moderner wirkt, aber dadurch noch zerbrechlicher geworden ist. Die weißen Ameisen zersetzen das unbeholfene Dach über den für das Schöne gegen Drachen kämpfenden Glücksrittern in ihren rostigen Hosen, auf dieser schlecht besetzten Bühne stellen sie überdrehte Spieler dar, die ihr im Fehlen eines greifbaren Wertes nur noch auf dem Glauben, dass es was wert ist, beruhende Geld in die zahlreichen verführerischen Schlitze werfen und die aus albernen Schafen bestehende, aber von nach Fleisch hungernden Wölfen regierte Gesellschaft damit ziemlich einseitig ernähren, weil lediglich die kleinen armen Leute, die im Gegensatz zu den Armut produzierenden Reichen eigentlich sparen müssen, mit ihren beharrlichen Hoffnungen auf einen Leid bildenden Reichtum zu einem verlustreichen Würfeln verleitet werden. Das sind Individuen, die später heulen, weil sie nicht widerstehen konnten, im Streichelzoo das Tier zu streicheln und es zu füttern, weil sie als mutmaßlich sympathische Pechvögel unfähig waren, sich zu beherrschen, und dennoch werden sie sich in ihrem Aufmerksamkeitsdefizit bei allen anderen beschweren, weil keiner, da die Zivilisation sich nur durch Abgrenzungen zu schützen wagt, einen Stacheldrahtzaun um die Spielautomaten gelegt hat, aber aller Voraussicht nach hätten sie sich auch dann, im Wahn einer Selbstverstümmelung, weil der Wert des Menschen auch an seiner Popularität gemessen wird, dort in den Käfig hineingeworfen, um allen ein Blutbad zu bescheren und ein schönes Foto, für das der Urheber nichts kann, für die Presse zu dekorieren, weil das Normale auf dieser Bühne uninteressant erscheint.

Skizzen auf Toilettenpapier (Stück 282)

November 22nd, 2009

Stück 282 aus dem im Februar 2008 erschienenen Buch Skizzen auf Toilettenpapier von Ngai Chun Cheung: Tauben kämpfen um das panierte Fleisch, trauen sich bis an den Tisch heran, bezeichnend für die nicht vorhandene Stärke der nicht mehr angsteinflößenden Menschen, während Artgenossen sich noch um den Knochen zanken, wartet eine strategische Gruppe sitzend auf den Rückenlehnen bereits auf den nächsten Bissen. Die vielen Häuser um mich rum, lange nicht mehr hoch geschaut, selbst dort oben bleibt die Architektur im Bild, der Mensch hat überall seinen Stempel aufgedrückt, auch schon alleine durch seinen nicht alles erkennenden Blick, und mit zunehmender Geschwindigkeit, lacht sich dieser mit einer mutmaßlichen Sinngebung einen Realitätsverlust an. Es gibt nur diese eine reizende Natur, selbst wenn wir sie nicht als solche hinnehmen, selbst wenn wir zwischen Häusern springen, um diese Flüsse dazwischen zu überwinden, ein Alien würde es als eine solche bezeichnen, wenn es als aufmerksamer Tourist hier her kommen und diese Landschaft sehen würde. Die Menschen, die vielleicht erblinden müssen, um die Wahrheit zu erkennen, sehen nicht ein, dass auch sie zu dieser Natur gehören, sind mit ihrem Bewusstsein vermeintlich etwas absolut anderes, sehen Sachen wie sie sind und nicht wie sie sein sollten, zerstören angeblich diese Natur, vielleicht weil sie vermeintlich auch nichts mehr daraus beziehen müssen, aber in Wirklichkeit treiben sie die Entwicklung nur weiter voran, Zerstörung ist das nicht, Wind in den Segeln der Evolution ist das, ermöglichen eine andere Natur, anderes Leben, selbstverständlich nicht unseres Leben, man kann keine unbefristete Haltbarkeit verlangen, das wäre als eine maximale Beeinträchtigung nicht angemessen, schon gar nicht mit diesem labilen Material. Wir sollten, wenn wir ehrlich sind, auch nicht das Ende der Entwicklung, dieser Geschichte sein, der Mensch hat diese Schönheit, die nicht nur aufgrund ihrer Seltenheit entzückt, nicht verdient, und als ein besorgter Vater würde ich es auch nicht zulassen, die eigene, erste und letzte Tochter solchen Barbaren in die leeren Hände zu geben, die jenseits der Grenzen leben. Länder verzweifeln am unnatürlichen Klimawandel, nehmen den Mexikanern sogar ihre Tortillas weg, der Mais kommt gut als eine regenerative Energie, füllen leere Tanks und nicht Mägen damit, lieber mit dem Bonzenauto fröhlich, aber vor allem schnell zum Strand fahren und als Fragen und Antworten enthaltenden Hund die Luft mit dem eigenen Duft markieren, ist doch viel schöner und nennt sich anscheinend Spaß. Die wirbelnden Tauben kloppen sich um die Reste, während meine Mitmenschen nun wie Geier auf einen freien Platz in der Sonne warten, um ebenfalls einen Blick zu erhaschen, den sie leider nur zur visuellen Befriedigung nutzen, statt diese Bilder als einen Zugang zur Ergründung der vielen Abgründe zu verwenden.

Aachener Weihnachtsmarkt

November 22nd, 2009

Ich habe einen Traum: Die besseren Menschen auf der Welt sollen überleben. Aber gerade weil sie so freundlich und nett sind, werden sie hier und jetzt aussterben: Sehe Wikipedia über Charles Darwin. Die schlechteren Menschen werden siegen und das ganz im Sinne der Natur, denn sie kennt keine Katastrophen, wie sie hier von uns an den Wänden gemalt werden. Eine kleine Stadt erkennt man am Fehlen von Rolltreppen an den Gleisen im Bahnhof. Es gibt zwar möglicherweise Aufzüge, aber die benutzt man nur, wenn man sie wirklich brauchen tut. Aachen scheint eine solch kleine Stadt zu sein, obwohl sie eines der größten Weihnachtsmärkte im Land haben soll. Heute war ich am Totensonntag dort anwesend und habe mir die bis 18 Uhr verschlossenen Buden angesehen: Auf die Öffnung wollte ich nicht warten, weil ich mir dachte, dass geöffnete Läden jeder sehen kann, aber dichte Buden eher eine Seltenheit sind, da man gewöhnlich erst hingeht, wenn der Betrieb hochgefahren ist: Also wären Fotos mit solchen Motiven nicht sonderlich sehenswert. Eigentlich wollte ich mal die Aachener Printen ausprobieren, aber ich habe keine Bäckerei gefunden, die mir zugesagt hat: Meine Fotos von Aachener Printen kann ich gerade leider nicht hochladen, da ich kein Flickr Pro Account habe und ich das 100 MB Limit für diesen Monat erreicht habe. Hier kann man mir ein Flickr Pro Account kaufen. Einen Fehler muss ich mir zugestehen, ich habe mir bei der Rückfahrt Richtung Köln einen Sitzplatz für vier Personen ausgesucht und mich damit dem Risiko der Schweinegrippe ausgesetzt, denn Zweier sind in dieser Hinsicht vorteilhafter. Bei meinem Kurzbesuch in Aachen habe ich mich eher auf die weihnachtliche Atmosphäre konzentriert und mir daher mehrheitlich die Aufbauten angeschaut: Alles sehr einheitlich und schlicht! Die paar Bilder abseits der weihnachtlichen Relevanz habe ich als Ergänzung zu meinem fotografischen Stadtportrait vom letzten Aufenthalt geschossen. Wenige Wochen zuvor habe ich ja bereits Aachen ohne Schmuck und Deko kennengelernt, aber wenn man mich seitens der Marketing mit derartigen Superlativen lockt, dann schaue ich natürlich, ob sie dem gerecht werden: Ich denke, dass der Aachener Weihnachtsmarkt schon nicht klein ist, aber ich kenne auch die Märkte in Bonn, Düsseldorf und Köln (bei den letzten Beiden auf mehrere Plätze verteilt): Daher habe ich nicht unbedingt einen großen Unterschied gesehen. Für Besucher aus den umliegenden Dörfern wird der Aachener Weihnachtsmarkt sicher eines der Highlights im Jahr sein. Meine relativ junge Sitznachbarin im Zug war stark übergewichtig, so wie ich früher, aber ich glaube nicht, im Sitzen so laut geatmet haben zu müssen.